freiräume schaffen

freiräume

Alles ist möglich!

Wollen Sie in Berlin ein Wohnprojekt oder ein Kulturzentrum aufbauen? Kein Problem. Man muss nur wissen, wie. Eine Gebrauchsanweisung

VON FLORIAN SCHÖTTLE

Groß-WG, sozio-kulturelles Hausprojekt, eine Büro- oder Arbeitsraumgemeinschaft – für all das lassen sich in Berlin Räume finden, ist es möglich zu mieten, zu pachten oder auch zu kaufen. In fast allen Stadtteilen gibt es noch Leerstand, häufig zwar baulich recht bedenklich, aber immerhin zu haben.

Doch im Grundsatz gilt: „Ohne Moos nichts los“, und für Leute ohne Reserven im Zeitbudget ist die Selbsthilfe bei der Umnutzung von Räumen für kollektives Wohnen oder Arbeiten nicht immer die beste Lösung. Am Ende kann der Luxus der Selbstbestimmung mehr als die Aufwendungen für einen langjährig abgeschlossenen Miet- oder Pachtvertrag kosten, denn seriöserweise muss ja die Eigenleistung mit einberechnet werden.

Für die Objektsuche empfehlen sich Kiez-Spaziergänge, der Kontakt zu eingeweihten Kreisen und das Surfen im Internet. Der Berliner Liegenschaftsfond, die Zentralverwaltung der Berliner Bundesliegenschaften, die Verwertungsgesellschaften des Bahn-, Post- oder Telekom-Vermögens zeigen ihr Angebot online. Die für eine Projektgruppe geeigneten Objekte sind dort zwar in der Regel nur selten zu sehen, aber es findet sich auf jeden Fall eine E-Mail-Adresse, an die man ein so genanntes Anforderungsprofil, also eine Beschreibung des Wunschobjektes nach Lage, Zustand und Ausstattung schicken kann.

Unter den Eingeweihten gelten auch die Homepages der Amtsgerichte als Fundgruben, weil man dort die Pleite gegangenen Bauträger mit ihren Grundstücken sauber gelistet sieht. Findet sich etwas Geeignetes, führt der nächste Weg zum bezirklichen Katasteramt. Wer eine präzisere Auskunft will, kann einen Notar mit der Grundbucheinsicht beauftragen, um die Anschrift des Eigentümers zu ermitteln.

Für die Gruppen mit begrenzten finanziellen Möglichkeiten gibt es unterschiedliche Möglichkeiten zu selbst bestimmten Verfügungsrechten zu gelangen. Wird neben dem reinen Wohnen noch Gemeinwesenorientiertes oder Soziokulturelles im Schilde geführt, kann es helfen, gemeinnützige Förderstiftungen um den Kauf des Objekts anzugehen – natürlich muss man dann auch Pacht oder Miete bezahlen. Oder man schließt sich mit dem Objekt einer Genossenschaft oder einem Solidarverein an. Auch in diesen Strukturen ist man es gewöhnt, den Nutzern weitestgehende Selbstverwaltungsrechte einzuräumen.

Verfügt man über etwas Eigenkapital oder genießen einige Mitglieder der Gruppe den Luxus einer festen Anstellung, freuen sich die Geschäftsbanken in der Regel heute sogar, wenn mal endlich wieder einer kommt, der einen Hauskauf finanziert bekommen will. Die Zeiten sind mehr als günstig, denn die Zinsen sind mit um die 3,7 Prozent per Anno auf einem historischen Tiefstand.

Im Abgeordnetenhaus wurde zudem eine Regelung durchgesetzt, nach der landeseigener Leerstand gemeinnützigen Vereinen und Organisationen zu Betriebskosten zur Zwischennutzung überlassen werden kann. Entsprechendes wurde auch im Haushaltsgesetz für 2006/7 niedergelegt. Doch der Weg dahin ist zumeist steinig, führt in der Regel durch die Niederungen der Bezirksdemokratie, und es kann jederzeit passieren, dass überraschend doch noch ein Käufer für den Scherben gefunden wird. Denn private Eigentumsverhältnisse gelten unter den Projektentwicklern als wesentlich handhabbarer.

Um Missverständnissen vorzubeugen: Über die Hälfte des Berliner Grundbesitzes gehört dem Staat. Und für gemeinwesenorientierte Projekte sollte das demokratisch organisierte Gemeinwesen die Infrastruktur liefern. Den Worten nach und insgeheim tut es das gelegentlich auch. So wurden mit dem ehemaligen Krankenhaus Moabit und dem „Rothaprint-Gelände“ bereits Räume für Gesundheitsprojekte, Künstlerateliers und kleine Handwerksbetriebe zur Verfügung gestellt. Aber das geschah nicht gerade im Lichte der Öffentlichkeit, und der Begriff Betriebskosten wurde bis zur marktüblichen Miete gedehnt.

Bis zu diesem Punkt kann der Leitsatz „learning by doing“ gelten, ist aber das Objekt der Begierde ausgemacht, ist professionelles Wissen gefragt, und Architektenhonorare müssen zwangsläufig mit in die Kalkulation eingerechnet werden: Die Bausubstanz muss untersucht, Nutz- und Nebenflächen ermittelt und die Anschaffungs- sowie Baukosten müssen auf die Quadratmeter und die Nutzungszeit heruntergebrochen werden.

Nun muss noch eine rechtliche Binnenstruktur – Verein oder Kapitalgesellschaft – gefunden und mit dem Verhandlungspartner für das Grundstück über das Verfügungsrecht verhandelt werden. Füchse fahnden im Internet nach Vertrags- und Satzungsmustern oder konsultieren Hilfsorganisationen wie die Bundesvereinigung der soziokulturellen Zentren oder das Berliner Atelierbüro. Auch Rechtsanwälte helfen weiter, aber das kostet nun wieder Geld.

Vorausgesetzt, dass alle glauben, dass das mit dem Projekt ernst ist, könnte man nun die Gruppe komplettieren. Es wird auch Zeit, Freunde bei der Bank zu gewinnen. Dabei helfen wieder Solidarvereine und genossenschaftliche Strukturen. Ab diesem Zeitpunkt sollten alle Beteiligten tief durchatmen und die Ruhe bewahren. Bis das Projekt tatsächlich umgesetzt ist, wird das ein oder andere Jahr ins Land ziehen.

Der Autor ist der Atelierbeauftragte
des Berufsverbandes Bildender Künstler Berlins (BBK)

1.10.2005 taz Berlin lokal Nr. 7783 Spezial 182 Zeilen, FLORIAN SCHÖTTLE S. 6

Eine Antwort zu freiräume schaffen

  1. Ralf schreibt:

    Das Krankenhaus Moabit ist ja nun nicht gerade ein Paradebeispiel: die dort eingemieteten Künstler_innen sind 2010 (?) wieder expediert worden. Massenweise Räume stehen dort zwar leer, aber von einem erfolgreichen Konzept für die neue soziale Nutzung kann keine Rede sein. Das Gelände wird von einer privaten Immobiliengruppe verwaltet und zwar m.E. schlecht. Das wird sicher über kurz oder lang wieder dazu führen, daß alles an einen Großinvestor verscheuert wird. Gerade in Moabit hat völlig sinnfreie Zurgeldmachung von öffentlichen Immobilien und Grundstücken schon zu erheblichem und irreversiblen Flurschaden geführt. Ein Ende dieser Politik der institutionalisierten Dämlichkeit scheint nicht in Sicht. Statt dessen wirft Vivico’s „Europa City“ mit dem Kunstcampus am Hauptwahnhof seinen Schatten voraus und erste Galerien siedeln sich versuchsweise im östlichen Moabiter Kiez an. Dazu gibt es seit 2009 das dazu passende Quartiersmanagement: jetzt muss nur noch die Kurbel am Lädenkarussell gedreht werden…
    Wer sich ein Bild über die Entwicklungen in Moabit machen will, dem sei http://www.moabitonline.de empfohlen. Dieses Portal wird von Menschen betrieben, die seit Jahrzehnten an der Basis vor Ort sind und deren unentgeltlich erbrachte und für die hier ansässigen Menschen gedachten Erfolge nun gerissenen Geschäftemachern Argumente für ihre Verkaufsstrategien liefern.

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